Rehabilitation bei dauerhaftem Juckreiz

Was können Betroffene in einer Reha-Klinik über den Umgang mit Pruritus lernen?
Wie kann ich einen Reha-Antrag stellen?

Diese und viele weitere Fragen hat Priv.-Doz. Dr. med. Athanasios Tsianakas, Leitender Dermatologe der Fachklinik Bad Bentheim anlässlich unserer Vortragsreihe für Patient*innen mit chronischem Pruritus beantwortet.

Früher hieß Rehabilitation noch „Kur“ und diente eher zur Gesunderhaltung oder Genesung des Menschen, meist an einem Ort mit natürlichen Heilquellen. Hier stand Wellness im Vordergrund.
Heute ist Rehabilitation viel mehr: Das heutige Reha-Konzept beruht auf einem Modell der WHO (Weltgesundheits-Organisation), damit wird der gesamte Lebenshintergrund Betroffener berücksichtigt.

Das Krankheitsbild des chronischen Pruritus (Juckreiz) zeichnet sich durch eine Dauer von mehr als 6 Wochen aus, ist schwer zu therapieren und hat unterschiedliche Ursachen.
16,8 % der arbeitenden Bevölkerung und 13,5 % der Allgemeinbevölkerung leidet unter chronischem Pruritus – mit schwerwiegenden Auswirkungen auf Konzentration, Schlafverhalten und letztendlich die Arbeitsfähigkeit der Betroffenen. Zudem schränkt Pruritus die Lebensqualität der Patient*innen enorm ein: offensichtliche Hautläsionen führen zu Stigmatisierung der Personen, die mit reaktiver Ausbildung von psychischen Symptomen wie Angst, Schlafstörungen und Depressivität einhergeht.
Ursachen des chronischen Juckreizes sind vielfältig: Hauterkrankungen, internistische Erkrankungen, neuropathische oder psychosomatische Erkrankungen können eine Rolle spielen.

Die Säulen der Diagnostik und Therapie von chronischem Juckreiz sind stationäre oder ambulante Akutmedizin: hier wird nach Diagnostik eine angepasste – meist medikamentöse – Therapie eingeleitet.
Um auf die Betroffenen und ihren gesamten Lebenshintergrund eingehen zu können, bietet eine dermatologische Rehabilitation die Möglichkeit, mit mehr Zeit und gezielten zusätzlichen therapeutischen Interventionen eine Besserung der Lebensqualität zu erzielen. Zudem können Betroffene erlernte Techniken zur Entspannung oder Bewegungstherapie in ihren Alltag integrieren.

Eine dermatologische Rehabilitation ist ein dreiwöchiger stationärer Aufenthalt mit einem intensiven Programm einschließlich medikamentöser, physikalischer, physiotherapeutischer, entspannungsmedizinischer und psychologischer Behandlung. Das Reha-Konzept der Fachklinik Bad Bentheim wurde gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Chronischer Pruritus an der Hautklinik des Universitätsklinikums Münster entwickelt. Neben der evtl. bereits eingeleiteten medikamentösen Therapie bietet die Fachklinik UV-Therapie, Badetherapien mit Schwefelmineralwasser, die antipruritisch und antiinflammatorisch wirken. Lokaltherapie im Salbenzimmer gehört ebenso zur Therapie wir sämtliche Systemtherapien mit z. B. Antihistaminika, Antidepressiva, systemische Steroide oder Biologika und JAK-Inhibitoren. Selbstverständlich werden auch sämtliche zusätzlichen Erkrankungen wie Diabetes mellitus, arterieller Bluthochdruck, Hyperlipidämie usw. mitbehandelt.
Einen besonderen Stellenwert hat in einer Reha für dauernden Juckreiz die Psychologie mit Einzelgesprächen und der Anwendung von Achtsamkeits- und Entspannungsübungen und die physikalische Therapie mit Bewegungsangeboten, Massagen, Gerätetraining etc. Ernährungsberatung wird angeboten, und ein Sozialdienst zur Unterstützung in, beruflichen und sozial-rechtlichen Fragen stehen den Betroffenen zur Seite.
Patientenbefragungen zeigten nach einer Rehabilitation deutlich messbare positive Effekte bei Patienten mit chronischem Pruritus.

Wie stelle ich einen Antrag auf Rehabilitation?
Bei stationären Patienten stellt der Sozialdienst des Krankenhauses den Antrag an eine Anschlussrehabilitation. Die Reha muss spätestens 14 Tage nach Entlassung angetreten werden.

Patienten die nicht stationär im Krankenhaus sind, sollten sich vertrauensvoll an ihren Hausarzt wenden. Die Antragstellung und der Leistungsträger sind abhängig von Beschäftigungsverhältnis, Berentung und Beihilfeberechtigung und privater oder gesetzlicher Krankenversicherung.

Anspruch auf eine Rehabilitation haben Patient*innen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen alle 4 Jahre, in schweren Fällen alle 2 Jahre. Sollte der erste Antrag abgelehnt werden – das kommt leider sehr oft vor -, sollte unbedingt Widerspruch gegen die Ablehnung eingereicht werden.

Die Fachklinik Bad Bentheim hat auf ihrer Internetseite einen Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Antragstellung zusammengestellt: https://www.fk-bentheim.de/fachbereiche/dermatologie/rehabilitation/

Die Arbeitsgemeinschaft Rehabilitation in der Dermatologie (AReD) hat weitere Informationen zur Antragstellung. https://derma.de/ddg/arbeitsgruppen-kooperationen/arbeitsgruppe/rehabilitation-in-der-dermatologie-ared

Patient*innen haben ein Wunsch- und Wahlrecht auf die Wunschklinik. Unter „Bemerkungen“ kann im Antrag die Wunschklinik eingetragen werden. Wenn dem Wunsch nicht entsprochen wird, ist ein Widerspruch sinnvoll. Klinikfinder-Portale gibt es verschiedene im Internet, hier eine kleine Auswahl:
http://www.qualitaetskliniken.de/reha
http://www.rehakliniken.de/rehakliniken/kliniksuche

Vielen Dank Herr Dr. Tsianakas für die wertvollen Informationen und die Zeit, die Sie sich genommen haben und ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmer*innen für Ihr reges Interesse und Ihre Fragen.

Wir freuen uns auf den nächsten Vortrag im Januar 2024 – Ihrer Haut zuliebe. ❤️

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